Wir nutzen Cookies, um unsere Website bestmöglich darzustellen und durch die Analyse der Seitenbesuche ständig zu optimieren. Weitere Informationen zu den von uns benutzten Cookies und wie Sie diese deaktivieren können, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

 

 

 

 

 

 

 

News Detail

Vom Feeling her ein gutes Gefühl – Hertha vs. Mainz im Olympiastadion

Von der Emotionstheorie zur empirischen Praxis. Studierende des M.A. Erlebniskommunikation erforschen die Zusammenhänge zwischen Erlebnis und Emotion am Beispiel Hertha gegen den FSV Mainz.

Von der gefühlvollen Seite nähern sich die Studierenden dem zentralen Gegenstand ihres Studiums, dem Erlebnis, imSeminar „Wahrnehmung und Methoden“ bei Dr. Clemens Schwender, Professor für Medienpsychologie an der hdpk.

Die hier entwickelte These: Erst das Empfinden von intensiven Emotionen macht aus einer Situation ein echtes Erlebnis, eines, das sich tief einprägt und noch lange nachwirkt.

Damit steht fest, welches Thema das Seminar in den kommenden Monaten bestimmen wird: Let’s talk about… Feelings! Such das empirisch zu erforschende Setting ist schnell klar. Was entfacht leidenschaftlichere Emotionen als… Fußball? Als teilnehmende Beobachter sind sie Ende November bei der Bundesliga-Partie Hertha gegen den FSV Mainz live vor Ort dabei, mit folgenden Fragen im Hinteropf:

• Wodurch wird die besonders starke emotionale Aufladung des Fußball-Erlebens im Stadion erzeugt?

• Wie lässt sich das Phänomen (evolutionspychologisch) erklären?

Der Erlebnisbericht – Nur nach Hause… geh'n wir nicht:

Endstation. Hoffnung, als scheinbar einzig Nicht-Trikotisierte keinen Unmut zu erregen in der blau-weißen Fan-Masse, die sich über den Bahnsteig ergießt, als sich die Türen der U2 an der Station Olympiastadion öffnen. Latentes Bedürfnis, mich farblich anzugleichen und die Idee, kurz aus der in Richtung Stadion eilenden Menge auszuscheren und an einem der Fanartikel-Stände am Wegesrand Halt zu machen, um vielleicht einen Schal oder eine Mütze zu erwerben… verworfen. Ein Fehler, wie sich später herausstellen wird. Es ist kalt. Sehr kalt. Und es wird noch kälter werden… Erleichterung, als ich in der einbrechenden Dunkelheit und zwischen vielen fremden Gesichtern schließlich meine Kommilitonen Leah und Jakob vor der Sicherheitsschleuse am Osteingang des Stadions entdecke. Erleichterung die Zweite: nach eingehender Leibesvisitation lässt man uns passieren. Wir sind drin! Professor Schwender hat uns Tickets für die Fankurve besorgt, auf zu den Plätzen… Halt! Nicht ohne meine Wurst. Zwischenstopp an der Hotdog-Station auf dem Vorplatz. Eine verräterische Spur aus Röstzwiebeln und Tröpfchen von dänischem Senf weist von hier an möglichen Verfolgern den Weg zu unseren Sitzen, die direkt über dem Stamm-Block der Ultras liegen, diesem ganz harten Kern der Fangemeinschaft, deren Vereinsliebe und -treue weit über das übliche Maß hinausgehen. Mit ihren ausgefeilten Choreographien in der Fankurve sind aber vor allem sie es, die im Stadion für Stimmung, Atmosphäre und den fußballtypischen akustischen Teppich sorgen. Sie werden heute im Fokus unserer „teilnehmenden Beobachtung“ und damit auch unserer Fotokameras stehen. Als nach einiger Zeit Professor Schwender zu uns stößt, hat sich das Olympiastadion bereits etwas gefüllt, dennoch wird der beeindruckende Mega-Bau, der 70 000 Zuschauern Platz bietet, am Ende dieses Spieltages von nicht einmal 40 000 Menschen besucht worden sein. Gleich geht’s los. Irgendwas fehlt… Wo ist das Bier? Wir verzichten. Der Gedanke, bei eiszeitlichen Temperaturen auch noch ein kühles Blondes umklammert zu halten, ist nicht besonders verlockend. Jakob und ich weichen auf den „Stadion-Punsch“ aus. Der ist warm – und offenbar alkoholfrei, was wir allerdings erst feststellen, nachdem wir bereits die Hälfte des 0,5l-Bechers gierig hinuntergestürzt haben. Wir versichern uns gegenseitig, darüber nicht enttäuscht zu sein. Das ist vernünftig. Wir sind ja schließlich nicht zum Vergnügen hier. Wir forschen.

Die Spannung steigt… nachdem sich die Fahnenträger auf dem Spielfeld formiert haben, erhebt sich das Publikum, man streckt die Schals in die Höhe und stimmt feierlich die ursprünglich von Frank Zander als Kneipen-Rausschmeißer-Lied komponierte Vereinshymne an: „Nur nach Hause, nur nach Hause, nur nach Hause - geh‘n wa nich.“ Schade eigentlich. Ich denke an meine Badewanne. Die Spieler laufen ein. Die Stimmung in der Fankurve ist auf einem ersten Höhepunkt, der Stadionsprecher heizt zusätzlich ein. Gebannt von dem Tohuwabohu in der Kurve verpassen wir den Anpfiff: „Ach, hat’s schon angefangen?“, fragt Leah überrascht. Leichte Ernüchterung: Da unten verfolgen 22 nicht identifizierbare Männer einen Ball. Sonst nichts. Im Fernsehen sieht das irgendwie spektakulärer aus. Ganz am anderen Ende des Stadions hockt ein kleines Häufchen Mainzer Fans, ich bin sehr kurz davor, Mitleid zu empfinden… da fällt das 1:0. Für den Karnevalsverein. Ich fasse es nicht – sprach ich gerade was von Mitleid? Passé! Während ich frustriert in meiner Sitzschale zusammensinke und aussichtsloserweise Trost in meinem Vernunft-Punsch suche, lässt sich der hartgesottene Ultra-Pulk eine Etage tiefer nicht beeindrucken, schwingt Fahnen, singt, springt, skandiert, schunkelt, wogt von links nach rechts, dirigiert und animiert vom kurveneigenen „Vorsänger“ mit Megafon und Trommlern – dann: Ausgleich! Das 1:1 durch Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic in der 36. Minute – mit diesem Ergebnis geht in die Pause, wer bisher nicht schockgefrostet wurde. Wir wissen, wenn wir nicht vom Kältetod dahingerafft werden möchten, müssen wir in Aktion gehen. In der zweiten Spielhälfte bleibt uns also gar nichts anderes übrig, als unsere Körpertemperatur über Bewegung auf ein überlebenssicherndes Maß zu regulieren. Wir klinken uns ein in die Sprechchöre, Klatschrituale und Gesänge, schunkeln sogar. Ich beherrsche jetzt mittlerweile neben dem Chorus der Vereinshymne noch ein weiteres Lied, es geht: „Schalalalalalala, Hertha BSCeeeeeee…“ Das laute Mitgröhlen kostet mich zugegebenermaßen etwas Überwindung, ich muss mir jedoch auch eingestehen, dass es durchaus einigen Spaß macht, in den gigantischen Chor einzustimmen. Die Sache mit der Forschung gerät kurz in Vergessenheit. Was unten auf dem Spielfeld passiert, wird ebenfalls beinah zur Nebensache. Auch die Stimmung im Ultra-Block scheint davon unabhängig. Noch zwei rote Karten werden verteilt, es fällt ein weiteres Tor für Hertha, Sieg für blau-weiß, Abend gerettet. Als frischgebackener Hertha-Fan verlasse ich stolz das Stadion – und dann denke ich wieder an meine Badewanne… Nur nach Hause! Jetzt aber.

Was haben wir gelernt?

Freude, Trauer, Wut, Angst, Stolz… Kaum eine andere Sportart entfesselt beim Publikum derart intensive Emotionen und ungehemmte Ausbrüche derselben, wie der Fußball. Woran könnte das liegen? In der Vor- und Nachbereitung unseres Stadionbesuchs versuchen wir im Rahmen unseres Seminars bei Professor Schwender Antworten zu finden und werten dabei auch das gesammelte Fotomaterial aus.

Der Fußball, wie das Feld des Sports bzw. der Sportevents insgesamt, scheint einer der wenigen Bereiche zu sein, in dem das Zeigen von Emotionen noch legitimiert ist und in dem sogar tabuisierte Emotionen wie die „Abneigung vor dem Anderen“ ausgedrückt werden dürfen. Diese besonders emotionalen Erlebnisse finden zudem in abgegrenzten Räumen, nämlich Sportstadien statt. An diesen Orten wird die Außenwelt bewusst ausgeschlossen und so die „Außerweltlichkeit“ der Geschehnisse unterstrichen.

Auf diese Weise können Fans (gerade die männlichen) möglicherweise der gesellschaftlichen Kontrolle ihrer Emotionen entkommen und ihrem – quasi anthropologisch verankerten – Bedürfnis nach emotionaler Intensität nachkommen. Denn „Emotionen sind evolutionär sinnvolle Programme“, wie Professor Schwender erklärt: Sie lenken die Aufmerksamkeit auf bedeutsame Umweltreize, können dem Verstand helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, können selbst verhalten steuern und fördern die Erinnerung. Emotionen stärken außerdem den Zusammenhalt von Gemeinschaften. Gemeinsam empfundene Emotionen dienen der Verständigung der Gemeinschaft über ihre Gemeinsamkeiten und ihrer Verfestigung nach innen. Zudem stabilisieren Emotionen die Abgrenzung von Kollektiven nach außen. Es entsteht das Gefühl von einem „Wir“ im Gegensatz zu „den Anderen“.

Emotionen werden vor allem in Ritualen erzeugt, bei denen Mitglieder von Gemeinschaften anwesend sind, sich wechselseitig wahrnehmen, ihre Aufmerksamkeit dabei auf ein gemeinsames Objekt fokussieren, gemeinsame Stimmungen entwickeln und diese aufeinander abstimmen. Das Ausagieren dieser Stimmungen und Emotionen unter diesen Bedingungen kann schließlich dazu führen, dass diese sich wechselseitig verstärken und damit zu einem besonders intensiven emotionalen Erleben führen.

Zurück ins Stadion, denn dort spielt genau dies intensive Erleben in der Gemeinschaft durch wechselseitige Verstärkung eine wichtige Rolle: Auch die Fußballfans sind Teil einer intensiven emotionalen sozialen Beziehung, nämlich der zu ihrer Mannschaft, die den Gegenstand ihrer gemeinsamen Fokussierung bildet. Die Kopräsenz einer großen Zahl von „Gleichgesinnten“ und vor allem „Gleichfühlenden“ wird für den Fan an keinem Ort so deutlich wahrnehmbar, wie in einem Stadion. An der Ausübung von gemeinschaftlichen Ritualen mangelt es nicht: Gesänge, Sprechchöre, immer gleiche Verhöhnungen des Gegners, „Schal-Hochhalten“, Klatschen in festgelegten Rhythmen und weitere Rituale, bei denen Fans zugleich auch körperlich involviert und synchronisiert werden, etwa beim rhythmischen Springen oder Schunkeln, gehören zum Standardprogramm. Das Gemeinschaftsgefühl wird selbstverständlich auch erzeugt und unterstrichen durch kollektive Symbolik, vor allem durch Kleidung in Vereinsfarben und das zur Schau tragen von Vereinsemblemen.

So ist es nicht ganz abwegig, dass wir uns während unseres Stadionbesuchs zum einen an einen Gottesdienst oder sonstige Formen (heidnischer) Gottesverehrung erinnert fühlen, an anderen Stellen an das Gebaren verfeindeter Stämme, die sich in einer kriegerischen Auseinandersetzung befinden und ihren „Soldaten“ während einer Schlacht lautstarke emotionale Unterstützung leisten.

Die hier gewonnenen Erkenntnisse über die Mechanismen der Auslösung besonders intensiver Emotionen, die eben Voraussetzung sind auch für besonders intensive Erlebnisse, das Wissen über die Wichtigkeit von gemeinsamen Ritualen für die Schaffung und Stabilität von Gemeinschaften und über die Tatsache, dass Gemeinschaften quasi als Emotions-Verstärker wirken, können uns in unserer zukünftigen Praxisarbeit eine wichtige Hilfe und Fundus etwa bei der Konzeption von nachhaltig wirkenden Events sein.