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Studentische Forschung

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Auf dieser Seite finden Sie Thesen, Meinungen, Beobachtungen, Recherche-Ergebnisse von Studierenden zu während des Semesters er- und bearbeiteten Themenschwerpunkten. Diese werden, sollten sie von Interesse für eine breitere Öffentlichkeit sein, hier zur Diskussion gestellt.

Die Musiktitel beim Eurovision Song Contest 2010: Betrachtung musikalischer Parameter und der Sieg von Lena - ein studentisches Forschungsprojekt der ErstsemesterstudentInnen im Studiengang Musikproduktion

Am 29. Mai 2010 sahen die StudentInnen des 1. Fachsemesters im Studiengang Tonund Musikproduktion an der Hochschule der populären Künste FH (hdpk) gemeinsam das Finale des Eurovision Song Contest aus Oslo/Norwegen. Wir nahmen uns hierfür vor, die Beiträge mit Bezug auf ihre musikalischen Parameter Melodie, Harmonie, Rhythmus, Form und Klang zu betrachten. In Arbeitsgruppen entstand dieses gemeinsam verfasste Papier. Es ist das Ergebnis unserer Betrachtung mit anschließender Nachbesprechung als Exkurs innerhalb der Studieneinheit Musiklehre. Ziel war es, die Wirkung der Titel aufgrund ihrer musikimmanenten Bestandteile zu beurteilen und dabei auch den Versuch zu unternehmen, Platzierungen der verschiedenen Teilnehmertitel zu erahnen. Uns ist bewusst, dass die Musik nicht allseits für sich selber spricht: Charisma des Künstlers sowie Choreographie des Beitrags sind zwei weitere, außermusikalische Elemente, die zu einem bedeutenden Teil über Wohl und Wehe entscheiden. Neben den genannten Parametern werden diese hier auch beleuchtet.

Melodie (Bingying Dong, Nadine Kühn, Stefanie Mikus-Marx, Johanna Amelie Storck)
Bei rund einem Dreiviertel der dargebotenen Kompositionen handelte es sich um balladeske, zum Teil sehr langatmige und altmodische, ja gar uninspirierte Melodien. Bisweilen hörten wir Welthits heraus: So erinnerten wir uns bei manchen Songs an deutliche Entlehnungen bestehender Titel der Rock- und Popmusik der letzten drei Jahrzehnte. Ungehemmt konnte man zu der dänischen Darbietung das Stück „Every Breath You Take“ von The Police mitsingen oder bei „Shine“, der georgischen Komposition, das Stück „Because of You“ von Kelly Clarkson nachempfinden. Größtenteils legten die Komponisten der einzelnen Teilnehmerländer Wert auf eingängige, in simple Gewohnheitsmuster passende und somit für den Konsumenten leicht erahnbare Melodien. Derartige Tonfolgen drückte die große Konkurrenz aus dem anderen Ohr wieder heraus, nachdem diese kurzzeitig in das eine Ohr Einzug fanden. Überhaupt garnierte man ohnehin schwermütige Balladen zusätzlich mit dramatischem Charakter, mit dem deutlichen Wunsch um Anklang dieser Theatralik beim Publikum. Einige süd- und osteuropäische Länder ließen in ihre Songs folkloristische Element landestypischer Musik einfließen, und sie kombinierten diese mit westlich beeinflusster Popmusik. Augenscheinlich war, dass der englischsprachige Anteil sehr hoch lag. Hier ist, neben der sprachlichen Eindringlichkeit, eine Wertlegung auf Texttransparenz der Titel anzunehmen: Jeder dritte Europäer, so unsere Vermutung, versteht durchschnittlich gut Englisch. Am Ende glänzten diese Textinhalte dennoch nicht durch Tiefe oder Sinngehalt. Authentizität war an diesem Abend ohnehin nur selten zu erleben. Viele der SängerInnen konnten zwar durch ihre Stimmqualität brillieren, jedoch erschienen sie aufgesetzt und künstlich. Mit ihrem Song „Satellite“ landeten die Komponisten Julie Frost und John Gordon hingegen ein gelungenes Werk - und eben den Siegertitel des ESC. Lenas Interpretation trifft den Zeitgeist: Ihre unaufgesetzte Art, die perkussiv-lockere Phrasierung sowie ein charmant-eigenwilliger britischer Akzent gaben dem Song eine Anmutung, die der Schwere des Abends eine angenehme Leichtigkeit entgegen setzte.

Harmonie (Alexander Eckhardt, Lars Lucas Lukoschek, Ephraim Peise, Marcel Sadlowski)
Erwartungsgemäß bewegte sich die Harmonik innerhalb der in der Popularmusik
typischen, diatonischen Hauptstufen nebst ihrer Parallelen, wie es exemplarisch bei Frankreich, Israel und England hörbar war. Ausnahmen bildeten hier im Wesentlichen Griechenland, Armenien und Serbien, die auf eine osteuropäisch geprägte Harmonik und die Verwendung von modalen Kompositionen setzten. Der balladeske Charakter vieler Stücke verlangte ein in Moll gehaltenes Tongeschlecht, wie etwa bei den Beiträgen aus Island, Rumänien und der Türkei. Als sehr beliebt erlebten wir klischeehafte Halb- oder Ganztonrückungen um einen Tonschritt nach oben vor dem finalen Refrain, die der Steigerung der Intensität dienen sollten. Beispielhaft waren hier Norwegen, Spanien und Portugal zu nennen. Der Siegertitel „Satellite“ befindet sich in der Tonart B-(H-)Moll. Er bewegt sich innerhalb des Refrains hauptsächlich in diatonischen Stufenakkorden. Die Strophe hingegen besteht aus linearen Akkordbewegungen; bis auf sie weicht die Harmonik des Siegertitels in Bezug auf harmonische Parameter im Wesentlichen nicht von der bezeichneten Norm ab. Daher bleibt zu vermuten, dass die harmonischen Progressionen eines Titels beim diesjährigen ESC nicht von vordergründiger Bedeutung für die Platzierung waren.

Rhythmus (Jascha Horn, Jan Penkalla, Christian Schulz, Bianca Vongehr)
22 von 25 Ländern bedienten sich des 4/4-Taktes. Die drei übrigen Länder entschieden sich für ein Stück im 3/4- oder 6/8-Takt. Neben zahlreichen Balladen erklangen vorwiegend binär unterteilte Rhythmen in mittleren Tempi (Discobeats) mit Betonungen auf die Downbeats. Länder wie Serbien und Armenien fielen durch balkantypische Clave-Rhythmen (Balkanbeat) auf. Andere deutlich wahrnehmbare, landesgängige Folklorerhythmen waren auf der Veranstaltung nicht zu erleben. Der deutsche Beitrag unterschied sich von den anderen Teilnehmerländern durch einen Titel im up-Tempo mit starker Backbeatbetonung auf der zweiten und der vierten Zählzeit, was die Zuhörer zum – zumindest gedachten – Mitklatschen aktivierte. Der ternäre Charakter der Gesangsmelodie wirkte im Gegensatz zu den weiteren Darbietungen des Abends sehr erfrischend und mitreißend.

Form (Jan-Marco Ritter, Tom Schikora, David Specht)
Der Parameter Form – die Entwicklung, die Reihenfolge einzelner Teile eines Titels - wurde in diesem Jahr, wie auch in den Jahren zuvor, von den teilnehmenden Komponisten und Ländern ausgesprochen stiefmütterlich behandelt. Dieser Status ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Zeitlimit der Beiträge zurückzuführen, da diese maximal drei Minuten dauern dürfen. Zudem kann man die Verwendung gewohnter Songformen schlicht mit der Tatsache begründen, dass es sich um einen Wettbewerb handelt, bei dem stereotype Titelabläufe einen größeren Stimmenfang versprechen. Der Wettbewerbscharakter wirkt auf viele Teilnehmer anscheinend so einschüchternd, dass sie ihre ‚never change a winning scheme (even though it didn’t win anything any other year)’- Attitüde nur schwer ablegen, oder es zumindest nicht einmal versuchen. Diese Art des Songwritings wirkt sich mutmaßlich extrem nachteilig auf die Spannungs- und Aufmerksamkeitskurve desjenigen Zuschauers aus, der aufgrund der Musik, und nicht aufgrund pyrotechnischer Besonderheiten, praller Brüste oder Funken sprühender Bassdrums zugeschaut hat. Einen Vorteil besitzt diese spärlich gesähte Spannung und Qualität der Unterhaltung allerdings: Die nach dem Parameter Form bewertete Konkurrenz blieb für den deutschen Beitrag relativ überschaubar. Wir können festhalten, dass wir Formteile, deren einzige Existenzberechtigung der vereinfachte Einbau einer möglichst klischeehaften Choreografie ist, in den oberen Regionen des Wettbewerbausgangs beinahe vergeblich suchen. Die Zeit der balladeskboygrouphaften Formklischees ist offenbar abgelaufen, und die Publikumssehnsucht nach mutigen, zeitgleich aber nachvollziehbar griffigen Songstrukturen hat “Satellite” in diesem Jahr vermutlich mit zum Sieg verholfen.

Klang (Stefan Ernst, Samir Khoury)
Betrachtet man den Eurovision Song Contest unter klanglichen Gesichtspunkten, überrascht uns nicht so sehr, dass Lena Meyer-Landrut das Siegertreppchen bestiegen hat. Die Mehrzahl aller Beiträge setzte auf altbekannte Sounds und orientierte sich auffällig an Titeln, die an eine vergangene Zeit anknüpfen. So gab es Songs, die sich auf die typischen Popballaden der Achtziger- und Neunzigerjahre beriefen, wie etwa auf die üblichen verdächtigen Titel von Mariah Carey und Celine Dion. Dergleiches fällt beim Song Contest zunächst durch langatmige Klavieroder Akustikgitarrenbegleitungen vom Intro bis zum Refrain auf. Ihnen folgt mit großem Knall der Refrain in voller Bandbesetzung, gefettet mit Backgroundchor und schmalzigen Geigen. Zum Ende des Titels hören wir mustergemäß noch eine ruhigere Bridge, welche schließlich zum Schlussrefrain überleitet, der mit großer Tamtam-Makulatur erklingt. Als Beispiel seien hier die Beiträge von Portugal, Zypern und Georgien genannt. Eine weitere Tendenz zeigte sich in einer Reihe von Eurodance- und Dancefloor-Titeln, welche genauso gut aus den Neunzigerjahren hätten stammen können. Hier stach vor allem der Song „Je Ne Sais Quoi“ von Hera Björk aus Island hervor, der neben dem Gesang ausschließlich auf Synthie-Sounds, elektronisch modellierten Instrumenten und Effekten basierte. Auch die Klangbilder der Länder Rumänien, Moldau, Griechenland und Frankreich folgten dieser verblichenen Tradition.
Folkloristische Elemente führen beim ESC offensichtlich nicht zum ersehnten Erfolg: Hier seien der spanischsprachige Walzer von Daniel Diges sowie der serbische Balkan-Pop von Milan Stankovic aufgeführt, welche klanglos im Mittelfeld der Auswertung untergingen. Die Komponisten des Siegertitels „Satellite“ setzten hingegen eher auf eine international neutrale Variante mit minimalistischer Instrumentierung. Hier bestach vor allem der lautstarke und angeswingte, an den Sound des legendären Motown-Labels erinnernde Schlagzeugbeat auf Zwei und Vier, neben der eigenwilligen Phrasierung des Gesangs. Diese klanglichen Aspekte unterschieden sich deutlich von allen anderen Beiträgen, wenngleich wir finden, dass „Satellite“ soundtechnisch nicht besonders progressiv ist. Lobend hervorzuheben ist dennoch, dass diese benannte Kombination beim ESC 2010 unter allen Beiträgen ein Alleinstellungsmerkmal besaß und somit möglicherweise in diesem Jahr zum allseitigen Anklang der Komposition geführt hat.

Choreographie und Charisma (allgemeine Diskussion)
Windmaschinen, wallendes Haar und wunderliche Roben, weiße Klaviere und wedelnde Schmetterlingsflügel – was zunächst klingt wie das Konzept eines Siegertitels, scheint das Publikum seit vielen Jahren nicht mehr anzunehmen. Die Menschen sind dem Bühnenkitsch weitestgehend entwachsen; die aufgedrängte Performance eines Auftritts vermag nicht zu kaschieren, was Komposition und Interpret unfähig zu kreieren sind. Hier denken wir zunächst an die Beiträge aus Serbien, Griechenland und Frankreich. Die Set-Designer in Oslo haben als Basisbühnenbild dezente Lichtprojektionen vorbereitet. Neben beschriebenen Disneyland-Paketen boten einige Teilnehmer aber auch reduzierte, musikzentrierte Bühnenweiten, die überwiegend oder ausschließlich den Interpreten in den Mittelpunkt rückten: Außer Lena ist hier beispielsweise der sechstplazierte Tom Dice aus Belgien zu nennen. Um neben der Kleidung und den Kulissen aber auf einen möglicherweise entscheidenden Punkt zu sprechen zu kommen: Weshalb vermochte es eine neunzehnjährige Hannoveranerin, über geographische Sympathien befreundeter Länder hinweg so überragend zu punkten, mit einem Vorsprung von 76 Zählern vor der zweitplazierten Türkei? Und das, obwohl ihr Auftritt ganz ohne Kitsch auskam. Oder eben gerade deswegen.

Nachbetrachtung
Es besteht Hoffnung, dass Echtheit und Authentizität eines Beitrags mehr zählen als Fallobst aus der Tagesernte eines Dieter Bohlen. Der Song „Satellite“ sei zwar, so ein häufig vernommener Tenor, kompositorisch auch kein großer Wurf, obwohl er im monotonen Umfeld des ESC glänzte und derzeit in vielen Ländern die Charts stürmt. Lenas besondere Art konnte über ihre unausgebildete Stimme hinweg scheinen. Straßenstimmen und Prominente bewundern gerne ihre Offenheit und Unaufgesetztheit. Sie sei verführerisch, humorvoll, frech und spontan. Inwiefern das etwas mit Musik zu tun hat, fragen Sie? Wenig – es ist hingegen ein Indiz, dass es sich beim ESC schon längst nicht mehr um einen Komponistenwettbewerb handelt. Vielleicht auch nicht einmal mehr um einen Musikwettbewerb, sondern um ein Schaulaufen der Persönlichkeiten. Hier unterscheidet sich der ESC nur wenig vom allgemeinen Treiben des Money-Mainstreams. Wir gaben vor der öffentlichen Bewertung Tipps nach Art der Punktevergabe des Song Contest ab: Die Top Drei unserer individuellen Favoriten führt der deutsche Beitrag an, gefolgt von dem ukrainischen und dem belgischen. Unsere Einschätzung, wer das Rennen
machen würde, sah Deutschland deutlich vorne, vor Aserbaidschan und Norwegen. Am Ende siegte Deutschland. Die Türkei belegte Platz zwei, und Rumänien den dritten Rang. Dieser Kommentar ist – neben der Betrachtung der musikalischen Parameter – als subjektives, essayistisches Fazit zu verstehen. Er beinhaltet in seinen Betrachtungen nicht jene Zuhörer, die aufgrund irgendwie gelagerter Patriotismusprinzipien oder Wettquoten ihre Stimme abgaben, obgleich es einige aber wie erwartet genau so taten.

Mit Dank für die Aufmerksamkeit:
Die StudentInnen des 1. Fachsemesters des Studiengangs Ton- und Musikproduktion an der hdpk Hochschule der populären Künste FH, Robert Lingnau (Leiter des Studiengangs)

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